von Martin Trachsel (Zürich)
Nicht vorliegend.
von Ralf Hoppadietz (Leipzig)
Wenn in der archäologischen Forschung von Kult oder Religion die Rede ist, beziehen sich die Aussagen zumeist auf Gräber, abgelegene und
abgegrenzte Bereiche oder als (Weihe-)Opfer angesprochene Deponierungen. Scheint dies im Falle der Bestattungen noch einfach, erfolgt die
Zuordnung zur sakralen Sphäre ansonsten oftmals auf intuitivem Weg. Zur Untermauerung dieser Aussagen werden dann entsprechende schriftliche
Quellen oder ethnografische Analogien herangezogen. Da es sich bei Religion und Kult aber um die Strukturierung von komplexen Gesellschaften
und Zusammenhängen handelt, die sich nur bedingt archäologisch nachweisen lassen, ist es nötig, weitergehende Erklärungsansätze zu finden.
Mit Hilfe ethno-archäologischer Untersuchungen können auf deduktivem Wege zusätzliche Ergebnisse gewonnen werden, die bisher unbeobachtete
Elemente religiöser Handlungen beschreiben. Damit ist es möglich, umfassendere Modelle des religiösen Lebens der eisenzeitlichen Gesellschaften
zu entwickeln und an den konkreten archäologischen Befunden abzugleichen. Zur Illustration einer solchen Untersuchung sollen einige Ergebnisse
des internationalen Forschungsprojektes "Religion gauloise et tradition hindoue - Recherches ethno-comparatistes au Népal" vorgestellt werden,
das am Centre archéologique europée Bibracte, der Universität Lausanne und der Universität Kathmandu federführend angesiedelt ist.
von Carola Metzner-Nebelsick (Berlin)
In diesem Beitrag wird die Evidenz ältereisenzeitlichen Opferverhaltens in Mittel-, Nord- und Südosteuropa in einer Zusammenschau vorgestellt.
Es werden die Brüche gegenüber dem Opferverhalten der späten Bronzezeit thematisiert. Ein scheinbarer Rückgang der religiös motivierten
Entäußerung von Sachgut in vielen Regionen Europas in der Zeit des 7. Jh. v. Chr. wird mit den zeitgleichen Bestattungssitten kontrastiert.
Als ein wesentlich neuer Faktor ältereisenzeitlichen Opferverhaltens ist zudem eine sich im späten 7. und 6. Jh. v. Chr. verändernde räumliche
Einbindung der Opferaktivitäten zu beobachten. Der Charakter dieser Aktivitäten wird beschrieben und gedeutet.
von Miloslav Chytrácek (Praha), Jan Michálek (Strakonice) und Ondrej Chvojka (Ceské Budejovice)
Am Berg "Burkovák" bei Nemejice (Bez. Písek) wurde in der ersten Hälfte des 20. Jhs. ein wichtiger Kultplatz der Hallstattzeit teilweise
erforscht, aus dem zahlreiche (um ca. 10.000) keramische Plastiken stammen. Die Fundstelle wurde bisher nicht modern analysiert und publiziert,
darum sind unsere heutigen Erkenntnisse nur beschränkt. Im Rahmen eines vorbereiteten Projektes werden alle Funde aus "Burkovák" bearbeitet
werden, die Fundstelle wird modern untersucht, geodätisch gemessen und ferner aufgrund der neuen Revisionsgrabung ausgewertet. Die singulären
keramischen Gegenstände (wie Modelle von Tieren, menschlichen Figuren und ihrer Teile, verschiedene Rädchen, Wagenteile, Spulen,
Gefäßscherben usw.) bringen eine gute Möglichkeit des Studiums der Entwicklungsdynamik der rituellen Symbolik in der Urnenfelder- und
Hallstattzeit. Analoge Artefakte stammen zwar auch aus anderen hallstattzeitlichen Fundstellen in Mitteleuropa, nirgends jedoch in so
großer Anzahl und in solchem Spektrum.
von Siegfried Griesa (Berlin)
Der in der Fachwelt bekannte Burgwall auf der Gemarkung des Ortsteils Lossow liegt etwa 7 km südlich vom Stadtzentrum Frankfurt/Oder
entfernt am Oderstrom. Von Lossow aus befindet sich die Burgwallanlage etwa 1,5 km östlich der Ortschaft. Am dieser Stelle schiebt sich der
südöstliche Rand der Lebuser Platte in einer Breite von 250 m unmittelbar an den Fluss heran und bricht zum fließenden Gewässer steil ab.
Das markante steile Ufer sowie die in westöstlicher Richtung verlaufenden Erosionstäler begrenzen einen Flächenabschnitt, der für die
Nutzung eines Siedlungsplatzes nur westlich und östlich von einer Wallanlage gesichert werden musste. Dieses Gelände war nicht nur sehr
günstig für die Anlage einer Siedlung, sondern auch hervorragend für eine Kultstätte geeignet.
In der späten Bronze- und zu Beginn der frühen Eisenzeit (1000 - 600 v. Chr.) hat es auf der Innenfläche des Burgwalles eine kontinuierliche
Besiedlung gegeben. Mit dem Aufkommen einer neuen Kultpraxis, die spätestens Anfang des 6. Jhs. v. Chr. in vollem Unfang einsetzte, wurde
die befestigte Anlage jedoch nur noch als Kultplatz verwendet.
Im Laufe von etwa zwei Jahrhunderten sind auf dem Burgwallgelände zahlreiche Schächte angelegt worden, um die zu opfernden Menschen und Tiere
sowie andere organische Substanzen aufzunehmen. Bisher kamen durch mehrere Ausgrabungskampagnen und Notbergungen 60 solcher Opferschächte zutage,
doch nur 26 von ihnen wurden näher untersucht. Von den 3 bis 7,5 m tiefen Schachtanlagen und deren Inhalt wird anhand der vorliegenden Befunde
erstmals umfassend berichtet.
Menschen und Tiere, die für das Opferzeremoniell bestimmt waren, wurden vor der Versenkung in die Schachttiefen getötet und zerstückelt.
Ausnahmen bildeten lediglich die Beisetzung eines Menschen im Schacht 54 und die Opferbestattung eines Rothirsches im Schacht 56. Neue
anthropologische Untersuchungen an den Skelettresten vom Burgwall Lossow ergaben eine genauere Bestimmung des Geschlechts und des Sterbealters.
Bei den Menschenopfern handelt es sich vorwiegend um Kinder oder jugendliche Personen. Unter den Opfertieren ist an erster Stelle das Rind zu
nennen. Es folgen Pferd, Schaf/Ziege und Hund. Die geopferten Tiere, die in der Mehrzahl ein subadultes oder adultes Alter aufweisen, zeigen
Hieb- und Schnittspuren.
Das vollständige Skelett von einem Rothirsch im Schacht 56 lässt nach den Befunden zur Gebissentwicklung im Kiefer und anhand des
Verwachsungsgrades der Epiphysen auf ein Alter von 17 Monaten schließen. Als Setzzeit kann, wie bei rezenten Rothirschen, der Zeitraum Mai
und Juni angegeben werden. Für die vorgenommene Tötung des Hirsches im Schacht kämen somit die Monate Oktober und November in Frage. Eine
Untersuchung an einem Rinderskelett aus dem Schacht 54 weist ebenfalls auf eine Tötung in den Herbstmonaten hin. Diese Erkenntnis deckt sich
mit dem Zeitpunkt der dargebrachten Opfergaben geernteter Produkte, die durch Ausschlämmen von Erdproben aus den Schächten gewonnen werden
konnten, z.B. Weizen, Hafer, Gerste, Rispenhirse und Schlafmohn.
Die Opferungen auf dem Burgwall sind offenbar nach einem gewissen Ritual vorgenommen worden. Nach der Versenkung der Menschen- und Tieropfer oder
anderer Opfergaben wurden die Schächte verfüllt. Im oberen Drittel, insbesondere in der Schachtmündung, hat man erneut Kulthandlungen
durchgeführt und dann die Schächte mit einem Lehmverschluss "versiegelt".
In den Jahrhunderten vom 7./6. bis zum Ende des 5. Jh. v. Chr., vielleicht sogar noch länger, sind wohl kontinuierlich solche Opferschächte
angelegt worden. Bisher liegen jedoch nur zwei C14-Daten (615 ± 80 und 760 ± 60 v. Chr.) vor, die für eine genaue Zeitgabe nicht hinreichend
sind.
von Claudia Pankau (Frankfurt/Main)
Im Rahmen meiner Doktorarbeit zur Besiedlungsgeschichte des Brenz-Kocher-Tals auf der östlichen Schwäbischen Alb fielen mir sieben überwiegend
hallstattzeitliche Fundstellen auf, die sich durch folgende Gemeinsamkeiten auszeichnen: Es wurden teilweise große Mengen klein zerscherbter
Keramik, in der Regel unscheinbare Wirtschaftsware, auf engem Raum in exponierter Lage gefunden, und zwar direkt unter oder auf der heutigen
Oberfläche.
Ich vermute aufgrund dieser Eigenheiten, daß es sich hierbei um sog. Brandopferplätze handelt, wie sie von Krämer 1966 erstmals definiert
wurden. Parzinger/Nekvasil/Barth (1995, 204-207) unterscheiden bei diesen Fundplätzen den "inneralpinen Typus", der durch große Mengen
kalzinierter Tierknochen charakterisiert ist, vom "nordalpinen Typus", für den das weitgehende Fehlen von Tierknochen charakteristisch ist.
Dem letzteren, am Nordalpenrand und auf der Schwäbischen Alb vorkommenden Typus, sind auch die vermutlichen Opferplätze im Bereich der Ostalb
zuzuordnen.
Abgesehen vom Fehlen klarer Siedlungsindikatoren sowie der generellen Exponiertheit der besagten Fundstellen paßt auch die geringe Fundtiefe
gut zu einem Opferplatz: Man stellte die mit Opfergaben gefüllten Gefäße auf dem Erdboden ab und zerschlug sie (dies würde den hohen
Zerscherbungsgrad erklären), möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt.
Handelte es sich tatsächlich um Opferplätze, läge auf der Ostalb eine vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungsstandes erstaunliche
Massierung dieser Fundstellenkategorie vor. Daraus wäre zu schließen, daß solche Plätze generell sehr viel häufiger vorkommen, als es bislang
bekannt ist. Darauf weisen auch die Ergebnisse von Müller/Wieland (2005, 45-46) hin, die sich - ausgehend vom im Lonetal bei Urspring
gelegenen, möglichen hallstattzeitlichen Opferplatz auf dem "Hägelesberg" - im Bereich der Alb näher mit dem "nordalpinen Typus" der
hallstattzeitlichen Opferplätze auseinandergesetzt haben. Sie konstatieren Beziehungen sowohl zu den alpinen Brandopferplätzen als auch zu
den vermutlichen Opferplätzen auf oder an Felstürmen.
Literatur:
Krämer 1966: Werner Krämer, Prähistorische Brandopferplätze. In: Helvetia Antiqua. Festschr. Emil Vogt (Zürich 1966) 111-122.
Müller/Wieland 2005: Dieter Müller/Günther Wieland, Der Hägelesberg bei Urspring, Gemeinde Lonsee, und die Wallanlagen bei Breitingen und
Holzkirch (Alb-Donau-Kreis). Atlas arch. Geländedenkmäler in Bad.-Württ. Band 2/Heft 13, Stuttgart 2005.
Parzinger/Nekvasil/Barth 1995: Hermann Parzinger/Jindra Nekvasil/Fritz Eckart Barth, Die Bycí skála-Höhle. Ein hallstattzeitlicher
Höhlenopferplatz in Mähren. Röm.-Germ. Forsch. 54 (Mainz 1995).
von Peter Jud (Basel)
Die Fundstelle von La Tène, am Ausfluss des Lac de Neuchâtel (Schweiz), wurde im Jahre 1857 entdeckt und in den Perioden 1869-1883 sowie
1907-1918 fast vollständig ausgegraben. In verschiedenen Museen sind heute noch gegen 2500 archäologische Funde vorhanden, überwiegend der
Stufe LT C. Bis heute fehlt eine monographische Vorlage der Funde und Befunde. Die Deutung als Heiligtum, die sich erst ab den 1950er Jahren
durchsetzen konnte, wird kaum mehr bestritten.
Eine Durchsicht der publizierten Grabungsberichte zeigt, dass in La Tène neben den Opferfunden auch menschliche Skelettreste von 50 bis 100
Individuen gefunden wurden (Jud 2007). Es handelt sich sowohl um vollständige Skelette wie auch einzelne Schädel. In zwei Fällen trugen die
Skelette Ringschmuck an den Armen. Im Rahmen eines 2006 begonnenen Forschungsprojektes konnten die Knochen von etwa 20 Individuen ausfindig
gemacht werden. Es handelt sich überwiegend um Männer, aber auch Frauen, Kinder und Jugendliche sind gut vertreten. Eine C14-Datierung
ausgewählter Knochen ist im Gange.
An mehreren Schädeln sind deutliche Spuren scharfer oder stumpfer Gewalt vorhanden, die aber nur in wenigen Fällen als direkte Todesursache
gelten können. Einige Verletzungen folgen bekannten Mustern und bezeugen rituelle Handlungen, wie sie in der Eisenzeit gut bekannt sind
(postmortale Schädelabtrennungen).
Eine Erklärung für die Deponierung der menschlichen Skelettreste im Heiligtum von La Tène ist schwierig. Für die meist geäusserte Vermutung,
es handle sich um "Menschenopfer", lassen sich kaum stichhaltige Beweise finden. Die Untersuchungen zeigen auch Parallelen zu den Funden von
Menschenknochen in mittel- und spätlatènezeitlichen Siedlungen (z.B. Manching), die heute eher als Bestattungen gedeutet werden.
Literatur:
Jud 2007: P. Jud, Les ossements humains dans les sanctuaires laténiens de la région des Trois-Lacs. In: Barral P. u.a. (éds.): L'âge du Fer
dans l'arc jurassien et ses marges. Dépôts, lieux sacrés et territorialité à l'âge du Fer. Actes du XXIXe colloque international de l'AFEAF;
Bienne, 5-8 mai 2005 (erscheint Besançon 2007) 377-384.
von Veronika Holzer (Wien)
Der keltische Kultbezirk von Roseldorf liegt im östlichen Siedlungsbereich der bisher größten bekannten keltischen Freilandsiedlung
Österreichs. Diese Siedlung befindet sich im westlichen Weinviertel/NÖ in der KG Roseldorf, gehört zur Markgemeinde Sitzendorf an der Schmida
und ist auf der Flur Bodenfeld, am Südhang des Sandberges lokalisiert. Bekannt ist die latènezeitliche Ansiedlung aufgrund zahlreicher
Altfunde, vor allem wegen der vielen Gold- und Silbermünzen, seit mehr als hundert Jahren.
Seit 2002 werden im keltischen Kultbezirk im Rahmen des Forschungsprojektes "FÜRSTENSITZ-KELTENSTADT" SANDBERG jährlich Ausgrabungen
durchgeführt. Dieser Kultbezirk setzt sich aus einer großen quadratischen Kultanlage und vermutlich zwei jeweils in den Nachbarparzellen
liegenden kleineren quadratischen Anlagen zusammen.
Das in den letzten fünf Jahren wissenschaftlich ausgegrabene und 2006 abgeschlossene große Heiligtum weist insgesamt eine Ausdehnung von
25 x 25 m auf, wobei der Heiligtumsgraben selbst eine Dimension von 17 x 17 m hat. Die Tiefe des Grabens reicht von ca. 1 m-1,40 m. Der Zugang
zum sakralen Innenbereich erfolgte aller Voraussicht nach durch eine Holzbrücke, da keine Unterbrechung des Grabens (Erdbrücke) zu erkennen
war. In der vom Graben eingeschlossenen Fläche eingetieft fand sich eine annähernd rechteckige Grube von ca. 2-3 m Größe und bis zu nur
einen halben Meter Tiefe. Die Sohle war nahezu eben. Als im Graben deponierte und rituell zerstörte Opfergaben dienten eiserne
Kriegsausrüstung (Waffen, Streitwagen und Pferdegeschirr), Keramik, aber auch blutige Tier- und Menschenopfer.
Im Jahr 2006 wurde parallel an der westlich vom großen Heiligtum liegenden kleineren Anlage von 10 x 10 m Größe mit den Ausgrabungen begonnen,
diese aber noch nicht komplett abgeschlossen. Der Graben selbst ist nur bis zu ca. 0,5 m tief und an seiner Oberfläche bis zu ca. 1 m breit.
An seiner südwestlichen Seite zeigte sich deutlich eine Mehrphasigkeit des Grabens. Kleine runde, bis jetzt fundleere Gruben in der
Innenfläche könnten die Funktion von zentralen Opergruben übernommen haben. Das Fundspektrum entspricht im wesentlichen dem des großen
Heiligtums, dem ersten Eindruck nach ist aber auffallend, dass prozentuell weit weniger Eisenobjekte gefunden wurden, dafür aber wesentlich
mehr Knochen, besonders menschliche Knochen.
Aufgrund der Befunde und Funde konnten hier am Sandberg in Roseldorf die ersten keltischen Heiligtümer, ähnlich den bekannten französischen
Heiligtümern, die bereits gegen Ende der Frühlatènezeit errichtet und während der Mittellatènezeit rituell genutzt wurden, eindeutig
dokumentiert werden. Mit der Ausgrabung des zweiten kleineren Heiligtums, das allem Anschein nach zeitgleich bestanden hat, scheint es sich
hier tatsächlich sogar um einen "Kultbezirk" zu handeln.
von Sebastian Möllers (Osnabrück)
Die Ergebnisse der jüngsten archäologischen Untersuchungen auf der Schnippenburg bei Ostercappeln, Landkreis Osnabrück, lassen vermuten, dass
es sich bei der Anlage aus dem 3./2. Jh. v. Chr. um einen befestigten Kultplatz handelt. Diese Interpretation im Zusammenhang mit der Abwägung
anderer Deutungsvorschläge soll Inhalt des Vortrags sein. Dabei steht die generelle Frage nach der Funktion der mittel- und
jüngereisenzeitlichen Burgen im nördlichen Mittelgebirgsraum ebenso im Fokus der Betrachtung wie der Vergleich mit anderen Kultplätzen.
Zahlreiche Kleindeponierungen, vorwiegend von Schmuckensembles sowie größere Fundkonzentrationen, die in erster Linie eiserne Geräte und Waffen
umfassen, stehen auf der Schnippenburg einer großen Zahl systematisch angelegter Opfergruben gegenüber. Die Opfergruben variieren stark
bezüglich ihrer Inventare und erschweren damit eine klare Ansprache. Verschiedene Untersuchungen der am Projekt beteiligten
Nachbarwissenschaften verdichten jedoch das Bild hin zur primären Deutung der Anlage als Kultplatz. Die zunächst versteckte Lage der Burg,
ihre in erster Linie repräsentative Befestigungskonstruktion sowie der erkennbare Bezug auf zwei bedeutende überregionale Verkehrswege geben
in diesem Zusammenhang weitere Fragen auf. Unabhängig von den zahlreichen neuen Fragen, die das Projekt aufwirft, zeigt sich deutlich, wie
groß die bestehende Forschungslücke im Bezug auf die eisenzeitlichen Befestigungen im Mittelgebirgsraum ist und welch umfassende Ergebnisse
auch kleinere gezielte Forschungsvorhaben in diesem Zusammenhang erbringen können.
von Peter Trebsche (Wien)
Deponierungen in Pfostenlöchern können als Überreste intentioneller Handlungen Hinweise auf Bräuche und Rituale beim Bau und damit auf die
Bedeutung und Symbolik von Häusern geben. Anhand der Stratigraphie in Pfostenlöchern werden drei Kriterien erarbeitet, um Deponierungen im
archäologischen Befund zu identifizieren: die Lage direkt auf der Schichtkante (Sohle) der Pfostengrube, die Vollständigkeit des Gegenstandes
oder eine spezielle Anordnung. Die im Katalog erfaßten Deponierungen der Urnenfelder-, Hallstatt- und Frühlatènezeit aus Bayern, Böhmen und
Österreich zeigen Regelmäßigkeiten im Richtungsbezug und in der Auswahl der Gegenstände. Die bevorzugte Deponierung im Südwesten der Häuser
stimmt mit der Ausrichtung hallstattzeitlicher Körperbestattungen in den untersuchten Regionen überein, was auf einen symbolischen Bezug
zwischen Haus und menschlichem Körper deutet. Vielleicht wurde die Grabkammer als Haus für den Toten konstruiert. In der Urnenfelderzeit
wird in erster Linie Trinkgeschirr - wohl als Überrest von Bauopfern - in den Fundamenten deponiert, während ab der späten Hallstattzeit
Schmuck und Trachtgegenstände überwiegen. Dieser Wandel steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit zunehmender Spezialisierung im Zimmerhandwerk
und einer Individualisierung der Gebäudeformen.
von Raimund Karl (Bangor)
Ein häufig verbreitetes Phänomen im eisenzeitlichen Siedlungsbefund Mittel- und Westeuropas ist die Abgrenzung von Siedlungen gegen ihr
unmittelbares Umfeld durch eine mehr oder minder aufwendige Zaun- bzw. Wall-Graben-Anlage. Derartige Einfriedungen finden sich sowohl bei
den sogenannten Herrenhöfen und Viereckschanzen in Mitteleuropa, bei den französischen fermes indigènes, als auch bei den enclosed homesteads
der britischen Spätbronze- und Eisenzeit, wo sie in den ringforts Irlands, aber auch in geringerem Ausmaß in Wales, bis ins Frühmittelalter -
und damit in auch durch reichhaltige, indigene historische Überlieferungen abgedeckte Zeiträume - überleben.
Im frühmittelalterlichen Irland wird der eingefriedete Bereich als less bezeichnet, Kognaten dazu finden sich im walisischen Begriff für den
eingefriedeten Fürstenhof, llys, und im antik überlieferten gallischen Terminus lissos, ‚Hof, Palast' (Delamarre 2003, 204). Sowohl die less
in Irland als auch ihr walisisches Gegenstück bezeichnen einen unter Hausfrieden stehenden Raum, also einen Raum, in dem jegliche Form der
Gewaltanwendung, gleichgültig ob an sich rechtmäßig oder nicht, automatisch als Angriff auf den ‚spirituellen' Aspekt der Person des Hausherrn
betrachtet wird. Strukturell entspricht diese Funktion als Friedstatt exakt der, die in den frühesten germanischen Rechtsvorstellungen dem
umzäunten Hof zugewiesen wird (Lupoi 2000, 380-1).
Daß die Idee des Friedens und des damit verbundenen spirituell-rechtlichen Schutzes in frühen keltisch-germanischen Vorstellungen ein zutiefst
magisch-religiöses Konzept gewesen sein muß, zeigt sich deutlich an der ihm diametral entgegengesetzten Idee der Friedlosigkeit. Am direktesten
ausgedrückt findet sich letztere, in antiken Quellen, im caesarianischen Gallierexkurs (b.g. VI, 13.6-7): schlimmste Strafe ist der Ausschluß
vom Götterdienst, der so Verbannte wird wie eine ansteckende Krankheit gemieden. In den frühmittelalterlichen Texten - sowohl germanischen als
auch keltischen - ist es rechtliche Verpflichtung, dem Outlaw Nahrung, Unterkunft und Rechtsschutz zu verweigern (Lupoi 2000, 370-1; Kelly
1988, 140-1).
Wenn also - wie sich aus den oben genannten Fakten mit hoher Wahrscheinlichkeit ableiten läßt - Hausfriede auch schon auf eisenzeitlichen
Einfriedungen lag, ist davon auszugehen, daß - wenigstens gelegentlich - rituelle Handlungen nötig waren, um diesen magischen Schutz zuerst
zu schaffen, dann zu erhalten und - z.B. nach einem Hausfriedensbruch - wieder herzustellen. Gleichzeitig muß sich der geschützte Raum als
Ort für nicht direkt mit dem Hausfrieden in Verbindung stehende rituelle Handlungen angeboten haben, die am dort bereits vorhandenen magischen
Schutz mit partizipieren konnten. Alle diese sollten - zum Teil - Niederschlag im archäologischen Befund finden - wenn man nach ihnen sucht.
Einigen Hinweisen, daß der Hausfriede sich tatsächlich - wenn auch noch keineswegs ausreichend erforscht - über seine rituellen Auswirkungen
im Siedlungsbefund fassen läßt, wird in diesem Vortrag nachgegangen werden.
Literatur:
Delamarre, X. 2003. Dictionnaire de la langue gauloise. Paris: éditions errance.
Kelly, F. 1988. A Guide to Early Irish Law. Dublin: Dublin Institute of Advanced Studies.
Lupoi, M. 2000. The Origins of the European Legal Order. Cambridge: Cambridge University Press.
von Gerhard Tomedi (Innsbruck)
Nicht vorliegend.
von Rosemarie Müller (Göttingen)
Nicht vorliegend.
von Ines Beilke-Voigt (Berlin)
Nicht vorliegend.
von Louis D. Nebelsick (Dresden)
Nicht vorliegend.
von Gerd Stegmaier (Tübingen)
Die Aufbahrung und Zurschaustellung verstorbener Personen ist aus zahlreichen Kulturen der Alten und Neuen Welt bekannt. So berichten
beispielsweise antike Schriftquellen für die skythischen Stämme Osteuropas von regelrechten Festgelagen und Wagenfahrten, an denen der Tote
in Form seiner sterblichen Hülle teilnahm.
Aus der mitteleuropäischen Epoche der frühen Eisenzeit liegen demgegenüber nur sehr wenige archäologische Befunde vor, die für eine längere
Aufbewahrung von Leichnamen sprechen. An erster Stelle ist hier das exzeptionelle Prunkgrab von Hochdorf zu nennen, das aufgrund seiner
hervorragenden Erhaltung mehrere Hinweise auf einen ausgedehnten Zeitraum zwischen Tod und Bestattung liefert.
Dass eine Balsamierung bzw. Mumifizierung von Toten in prähistorischer Zeit nicht nur in Ägypten regelhaft durchgeführt wurde, belegt eine
ganze Anzahl von Befunden aus dem Vorderen Orient und Eurasien. Die offensichtlich weitverbreitete Kenntnis der Leichenkonservierung dürfte
sich auch in den Bestattungsriten der vorrömischen Kulturen Mitteleuropas niedergeschlagen haben.
Welche Konsequenzen sich daraus für den Befund von Hochdorf und die Interpretation eisenzeitlicher Grablegen im Allgemeinen ergeben, soll
anhand einiger Beispiele kurz dargestellt werden. Hierzu werden neben verschiedenen naturwissenschaftlichen Methoden, Vergleiche aus dem
Bereich der empirischen Kulturwissenschaften und der Ethnologie herangezogen.
von Nils Müller-Scheeßel (Frankfurt/Main)
Dass das Bestattungsritual im Laufe der Hallstattzeit bedeutende qualitative und quantitative Veränderungen durchlaufen hat, ist
offensichtlich. An erster Stelle ist hier die Ablösung der Brand- durch die Körperbestattung zu nennen, weiter kann man auf die zunehmende
"conspicuous consumption" während der Bestattungsvorgänge in Südwestdeutschland hinweisen.
Im vorliegenden Beitrag wird eine zweigleisige Strategie eingeschlagen, um sich diesem Komplex anzunähern: Einerseits werden möglichst
verschiedenartige ethnographische Fallbeispiele herangezogen, um sie auf ihre Tauglichkeit als Analogien der Hallstattzeit zu prüfen. Trotz
der damit verbundenen Schwierigkeiten - praktisch allen ethnographischen Fallbeispielen fehlt zeitliche und räumliche Tiefe, und alle Ethnien
befanden sich zum Beobachtungszeitpunkt bereits in einem mehr oder weniger weit fortgeschrittenen Stadium der Kolonisierung - sind die
Fallbeispiele insoweit erhellend, als sie die starke Abhängigkeit aller Aspekte des Bestattungsrituals und seiner Veränderungen von der sozialen
Matrix bezeugen.
Andererseits werden die verschiedenen Aspekte des hallstattzeitlichen Bestattungsrituals in möglichst großer zeitlicher und räumlicher
Auflösung analysiert. Dabei zeigt sich, dass die einzelnen Veränderungen in starker zeitlicher wie räumlicher Verschränkung vor sich
gegangen sind. Es kristallisieren sich zwei Trajektoren heraus, die Süddeutschland in Bezug auf die Bestattungssitten stark beeinflusst
haben: Die erste Strömung ist Ost-West-gerichtet und bringt Süddeutschland u. a. die Wagenbeigabe und die Körperbestattung. Letztere dringt
aber auch in der zweiten Strömung von Frankreich nach Osten und ist mit der Bestattung in schmalen, sargartigen Kammern assoziiert.
In einem letzten Schritt werden hallstattzeitliche Bestattungsveränderungen und ethnographische Analogien zusammengeführt, um die
archäologischen Beobachtungen mit Modellen sozialer Praxis zu bereichern.
von Hélène Delnef (Strasbourg)
L'analyse des associations proches, des morphologies et des traces organiques parfois retrouvées à l'intérieur des récipients ainsi qu'une
observation précise des contextes funéraires permettent de préciser les fonctions des situles céramiques et métalliques dans des ensembles
clos. Ces données sont confrontées aux découvertes en habitat, aux représentations ou aux écrits existants. Les représentations des situles
sont nombreuses dans l'art des situles, la petite statuaire d'argile, de bronze ou de plomb et parmi les pendentifs. Quand les observations
sont possibles, on constate que les zones de dépôts des céramiques dans les sépultures ne suivent pas de règles évidentes. Mais une
différenciation spatiale semble s'opérer entre les vases dédiés au service, ceux au stockage et ceux pour contenir des effets personnels.
Certains exemplaires de moins de 10 cm de haut pourraient ętre interprétés comme des gobelets. Cependant leurs contextes de découverte ne
confirment pas cette hypothèse. En Champagne, les céramiques situliformes sont utilisées en majorité dans le service de table et comme
récipient de stockage des denrées. Elles ne doivent donc pas ętre attribuées systématiquement au service à boisson. Le mode des dépôts des
situliformes en Ardennes belge et dans l'Hunsrück-Eifel est sensiblement identique. Ils sont déposés comme unique vase dans la majorité des
cas. Quand ils sont insérés dans un service, ils ne se distinguent pas des autres céramiques par un emploi ou un mode de dépôt particulier.
Cependant, grâce à la présence de coupelles déposées à proximité des situliformes en Ardenne belge, ces vases semblent avoir été utilisés
pour le service à boisson. Cette fonction de service peut ętre appliquée sans doute aux situliformes de l'Hunsrück-Eifel.
Ces remarques apportent une réserve à l'interprétation des scènes de consommations des situles historiées. L'acte de consommation et les
instruments utilisés semblent plus important que le produit consommé lui-męme, qu'il s'agisse d'alcool ou de nourriture. Une confrontation
attentive des différentes sources disponibles (textes, pratiques funéraires, association de mobiliers...) nous révèle peu à peu les
référents ou les implicites sociaux et culturels (importations, formes particulières, keimelia) qui influent sur le choix des récipients
déposés.
von Florian Martin Müller und Elisabeth Maria Schemel (Innsbruck)
Der Vortrag möchte einen kurzen Überblick über eine Reihe von Befunden im antiken Daunien bieten, die möglicherweise Einblicke in
kultisch-religiöse Vorstellungen bieten.
Die Kultur der Daunier, einer Völkerschaft wohl illyrischer Herkunft, deren Siedlungsgebiet in Nordapulien zu lokalisieren ist, kann
hauptsächlich durch Grabfunde in die Zeit zwischen dem 9./8. und dem 4. Jh.v.Chr. datiert werden. Offensichtlich wurde der Gestaltung
und Ausstattung ihrer Gräber großer Wert beigemessen, während die Behausungen aus organischem, vergänglichem Material nur teilweise auf
Steinfundamenten standen und somit archäologisch nur sehr schwer fassbar sind. Ihre Siedlungen hatten dörflichen Charakter mit Gruppen
von Hütten, und ihre Gräber befanden sich direkt im Bereich der Wohnstätten. Als kultische Anlagen können größere Gebäude mit festen
Steinfundamenten oder Plätze mit ritueller Niederlegung von Gegenständen und Keramik identifiziert werden. Da keinerlei schriftliche
Quellen in der daunischen Kultur existieren, bieten nur archäologische Funde und Befunde Einblicke in das Alltagsleben sowie - unter
Vorbehalt - in kultisch-religiöse Vorstellungen und Praktiken. Anhand einiger Beispiele aus den seit 1997 laufenden Grabungen des Instituts
für Archäologien der Universität Innsbruck in Ascoli Satriano (Prov. Foggia), einem bedeutenden Zentrum der daunischen Kultur, sollen
Befunde aus dem kultisch-religiösen Bereich vorgestellt und interpretiert werden.
Opferplätze
Auf dem Colle Serpente, dem Hauptsiedlungshügel von Ascoli Satriano, wurde ein Befund ergraben, der, bisher singulär in Daunien, wohl als
Opferplatz angesprochen werden kann. Es konnte eine L-förmige, mit geraden Kanten abschließende, ausgedehnte Lage aus Dachziegeln und
Fragmenten von großen Vorratsgefäßen freigelegt werden. Auf und zwischen den zerbrochenen Ziegelplatten und Großgefäßscherben fanden sich
zahlreiche Fragmente dünnwandiger Keramik, aber auch komplette schwarz engobierte Schälchen sowie viele Tierknochen (v. a. Extremitäten).
Etwa in der Mitte der Ziegellage reichten die Ziegelstraten nicht so weit in die Tiefe wie an den umgebenden Stellen, dort setzte knapp
unter den obersten Ziegelbruchstücken eine stark aschehaltige Schicht ein. Die Positionierung der Keramik auf, zwischen und auch unter den
einzelnen, eng aufeinander folgenden Schichten von Ziegelbruchstücken unterschiedlichen Typs sowie das Auftreten von Knochen zwischen und
unter den Ziegeln weisen auf rituelle Handlungen hin. Die Keramikfunde (4. Jh. v. Chr.) aus diesem Bereich zeigen auch nicht die übliche
Ausstattung eines Haushaltes, da es sich überwiegend um kleine Schälchen (zerbrochen und auch zur Gänze erhalten) handelte, Kochgeschirr
und Gebrauchskeramik fehlten vollständig. Die aufgefundenen Knochen stammen zu einem großen Teil von Extremitäten von Tieren, die bei der
Deponierung an dieser Stelle z. T. noch mit den Fußwurzelknochen im Verband waren. Aus dem vorliegenden Befund erscheint es durchaus
wahrscheinlich, dass an diesen Stellen die Relikte einer rituellen Handlung, einer kultischen Verehrung, am wahrscheinlichsten im Totenkult
an den umliegend gefundenen Gräbern, zu fassen sind. Keramik wurde dabei entweder vollständig niedergelegt oder bewusst zerschlagen und der
Platz danach mit einer Lage von Dachziegeln abgedeckt. Mehrere Lagen übereinander lassen dabei eine länger andauernde Benutzung dieser
Plätze vermuten. Aschenschichten mit Tierknochen innerhalb der Lagen weisen dabei auch auf Tieropfer hin.
Grabkult
In unmittelbarer Nähe daunischer Gräber, so auch beim großen "Kriegergrab" auf dem Colle Serpente, kommen vermehrt in die Erde eingetiefte
wannenförmige Gruben vor, deren Boden und Wände sauber mit Lehm verschmiert worden waren. In diesen Gruben wurde Keramik deponiert und alles
dann mit kleinen Steinen aufgefüllt.
Kieselpflasterungen
Ein besonderes Phänomen, in ganz Daunien vorkommend, stellen großflächige Kieselpflasterungen dar, deren Zweck ebenfalls in einem
religiös-kultischen Zusammenhang zu sehen ist. Die geometrisch verzierten Pflaster, die sich in das 4./3. Jhd. v. Chr. zeitlich eingrenzen
lassen, bestehen aus einfachen Kieselsteinen, welche hochkant in die Erde gestampft wurden. Es ist auffallend, dass sich die Pflasterungen
häufig oberhalb oder in der Nähe von Grablegungen befinden. Sie könnten in diesem Zusammenhang als Grabkennzeichnung gedeutet werden. Nachdem
in der daunischen Kultur die Toten unmittelbar im Bereich der Wohnstätten bestattet wurden, ist es möglich, dass die Kieselpflasterung
oberhalb einer Grablege als eine Trennung von Diesseits und Jenseits fungierte. Ausgedehnte Pflasterungen treten auch bei größeren, dann als
Kultgebäude gedeuteten Baukomplexen auf.
von Jutta Leskovar (Linz)
"Ritus und Religion in der Eisenzeit" stellt einen Themenkomplex dar, der nicht nur innerhalb der prähistorischen Archäologie behandelt wird.
Auch AutorInnen der sogenannten "esoterischen Szene" und verwandter Strömungen befassen sich damit. Damit ist zwar selten eine Beschränkung
auf die Eisenzeit verbunden, eine Konzentration auf diesen Bereich, vor allem über die Verbindung mit dem Begriff "Kelten", ist jedoch
unübersehbar.
Der "esoterischen Szene" geht es nicht um eine Rekonstruktion prähistorischer Glaubensvorstellungen unter Anwendung von in der
Urgeschichtsforschung entwickelten Methoden, sondern um eine (Wieder-)Belebung sogenannter neuheidnischer Inhalte und Strukturen. Dabei
kommt es zu ständigen Rückgriffen in die (prähistorische) Vergangenheit. Archäologische und schriftliche Quellen liefern die Argumente für
das Postulat vom hohen Alter der eigenen religiösen/spirituellen Anschauungen.
Diese Faktoren sind seit langem bekannt, eine Untersuchung der konkreten archäologischen Inhalte in der einschlägigen Literatur erfolgte
bislang jedoch nicht. Ein Grund dafür ist wohl die allgemeine Ablehnung der oft einfach als "falsch" betrachteten Aussagen der
"esoterischen Szene" zur prähistorischen Vergangenheit seitens der akademischen Forschung. Vor einer genaueren Beurteilung scheint
allerdings eine gezielte Beschäftigung mit diesem Sektor des außerhalb der etablierten akademischen Welt stehenden Bereichs der
"Öffentlichkeit" notwendig.
Der Vortrag stellt die vorläufigen Ergebnisse eines diesbezüglichen Projektes vor, in dessen Rahmen zehn Publikationen mittels Qualitativer
Inhaltsanalyse untersucht worden sind. Außerdem wird davon ausgehend der Frage nachgegangen, aus welchen (Sekundär-)Quellen die
"esoterische Szene" ihre Kenntnisse zu Ergebnissen der archäologischen Forschung bezieht und wie diese Quellen aus aktueller Sicht der
Forschung zu beurteilen sind.
von Alessandro Guidi, Federica Candelato and Massimo Saracino (Verona)
From 2000, the University of Verona, in agreement with the Veneto State Antiquity Office, has been engaged in a research project on the
important Iron Age site of Oppeano, 20 km south of Verona.
Oppeano lies on a plateau of fluvial origin (actually occupied only in a very limited sector by the modern small town), whose remarkable
size is 82 hectares.
All the data collected in extensive surveys (2000-2003) and in some excavations (2003-2006) show that on the plateau there was a widespread
occupation (typical of a unitary centre) by the beginning of the Iron Age (2nd half of 10th century B. C.), even though some Final Bronze
Age sherds collected in several fields could anticipate the occupation of the area.
The peculiar methodology employed at Oppeano help us to understand better the model of occupation of the major Venetic centres of Este and
Padua, where the uninterrupted settlement history (in both cases the whole Iron Age site lies under the modern city) is a serious obstacle for
our reconstructions.
In conclusion, the main point is that the history of this important protourban centre that lasted until the 3rd century B. C. demonstrates
how the old theory of a "decalàge" of the urbanization processes between Central and Northern Italy is evermore unsustainable.
von Jan Bouzek (Praha)
Die Untersuchung der Siedlungen im Erzgebirge in den siebziger und achtziger Jahren beiderseits des Kammes vom Erzgebirge haben wir in einem
Programm zusammen mit Klaus Simon durchgeführt. Als Teil dieser Untersuchungen wurden einige Siedlungen hoch im Erzgebirge untersucht
und gegraben, von den zwei wichtigsten wird hier berichtet.
Kundratice-Podhùrí, etwa 9 km NW von Chomutov, 1600 m entfernt von dem Dorf Podhùrí, zwischen 650-700 m ü. N. N. Die schweren Böden hier sind ganz
ungünstig sowohl für Landwirtschaft als auch für Viehzucht, die befestigte Stítary-Siedlung liegt an einem 30° Hang und nimmt eine Fläche von etwa
130 x 150 m ein. Nach Ha B existierte hier eine burgwallzeitliche Besiedlung, dann mittelalterliche Stollen und Spuren von Eisenverhüttung; auch
Scherben des 16. Jh. wurden hier gefunden. Die untersuchten Eisenerzstücke waren sehr arm an Eisen, was nicht bedeuten soll, dass die Erze
anfangs nicht ergiebiger waren. Auf jeden Fall scheint es wahrscheinlich zu sein, dass der Ort vorwiegend einer Bergbautätigkeit diente.
Místo bei Chomutov, etwa 630 m. ü. N. N., Spuren einer Befestigung, nach der Analyse von J. Kordac enthielten die Proben 40-50% Eisen, also war
das Erz hier ergiebig genug. 1447 ist hier Eisenverhüttung literarisch belegt, im 15. bis 16. Jh. ist hier sowohl Eisen- als auch Silbergewinnung
in den Quellen erwähnt.
Andere ähnlich hochgelegene Orte wurden bisher weniger untersucht:
Krupka–Bohosudov (Lausitzer und Knovízer Kultur), wohl Kupfer, vielleicht auch Zinngewinnung,
Cernovice (Hügelgräber- und Knovízer Kultur),
Mikulovice bei Kadaò (Ha B – Stítary),
Bei Burg Pysná und Ryznburk, mit Kupfererz(auch Stítary).
Die Ha B-Phase des Bergbaus im Erzgebirge passt gut in die Krisenzeit im Alpenbergbau; sowohl Kupfer als auch die ersten Versuche mit
Eisengewinnung sollten Ersatz schaffen in der damaligen Not.
Metalle als Substanzen waren in der Urzeit im normalen Glaubenssystem mit Planeten und ihren Gottheiten verbunden; es vermehren sich Belege,
dass im Grunde ähnliche Vorstellungen im damaligen Mitteleuropa existierten, wie die literarisch belegten im Nahen Osten.
von Laurent Olivier (Saint-Germain-en-Laye)
A new interdisciplinary research project, conducted by the Musée d'Archéologie nationale at Saint-Germain-en-Laye, is devoted to the study
of the "Briquetage de la Seille" (Eastern France, region Lorraine), a huge complex of salt production sites dating to the Iron Age.
Extensive geophysical surveys have revealed the internal structure of workshops, some of them covering up to several tens of hectares.
Palaeo-environmental studies have provided evidence for a strong impact of such a "proto-industrial" activity on the natural environment.
von Guntram Gassmann (Tübingen) und Günther Wieland (Karlsruhe)
Die archäologische Denkmalpflege im Regierungspräsidium Karlsruhe (Dr. Günther Wieland) führt seit 2004 gemeinsam mit Dr. Guntram
Gassmann an einem frühkeltischen Eisenproduktionszentrum bei Neuenbürg im Nordschwarzwald systematische Untersuchungen an
Schlackenhalden und Ofenanlagen durch. Mittlerweile werden die Forschungen auch von der DFG unterstützt. Bisher wurden drei Produktionsareale
archäologisch untersucht. Hierbei handelt es sich um eine "Ofenbatterie" in Hanglage, wo mindestens zwölf Öfen in regelmäßigem Abstand
aneinander gereiht waren und um zwei isoliert stehende Schlackenhügel mit jeweils mehreren Ofenanlagen und weiterem Ensemble in der Nähe.
Einzelne Öfen waren fast vollständig erhalten, so dass sie viele technische Details zu erkennen gaben. Mittlerweile konnten drei funktional
unterschiedliche Rennofentypen erkannt werden. Die Datierung der Mehrheit der Anlagen liegt am Übergang von Späthallstatt zu Frühlatène,
wie sich durch C14-Isotopenmessungen und durch keramische Beifunde belegen lässt. Die Anfänge reichen sogar noch weiter zurück.
von Maciej Karwowski (Rzeszów)
Die letzten Jahre haben einen deutlichen Fortschritt in der Erforschung der keltischen Materialien im Karpatenvorland in Ostkleinpolen
gebracht. Zwar fällt es weiterhin schwer, sowohl die geographische Ausdehnung dieser Enklave als auch die Kulturbeziehungen und die genaue Chronologie
der von dort stammenden Funde präzise zu bestimmen, aber man muss dabei berücksichtigen, dass wir es mit einer Einheit zu tun haben, die
zum ersten Mal vor etwa zehn Jahren auf den Karten erschienen ist. In diesem Bereich, der hauptsächlich das obere und mittlere San-Gebiet,
aber auch - wie es die neuesten Forschungen nachgewiesen haben - das Wislok-Gebiet umfasst, wurden bereits seit vielen Jahren mit der
La Tène-Kultur in Verbindung stehende Funde gemacht. Es handelt sich vor allem um Gefäßfragmente aus Graphitton- oder sog. "grauer" Keramik
sowie um andere Einzelfunde, darunter spärlich vertretene Münzen. Diese Funde wurden lange Zeit als Spuren von Kontakten mit den von Kelten
besiedelten Gebieten entweder in Westkleinpolen oder im Bereich der oberen Theiß interpretiert. Auf Grund des gegenwärtigen Forschungsstandes
kann angenommen werden, dass wir es im San- und Wislok-Gebiet tatsächlich mit regelmäßiger Besiedlung der La Tène-Kultur zu tun haben, die
allerdings wahrscheinlich nicht so intensiv und geschlossen wie bei anderen keltischen Gruppen in südpolnischen Gebieten war.
von Rouven Schneider (Kiel)
Die älteste Eisenzeit und speziell der Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit wird für Nordeuropa sehr verallgemeinernd dargestellt. Grund dafür
ist eine vor allem in Deutschland methodisch in eine Sackgasse geratene Bearbeitungsweise, welche nur regionale, häufiger sogar nur
friedhofsinterne Analysen erlaubt. Im Sinne einer multiregionalen Synthese wurde die Methode in meiner Diplomarbeit (2005 in Kiel fertig
gestellt; 2006 publiziert: R. SCHNEIDER, DER ÜBERGANG VON DER BRONZE- ZUR EISENZEIT - NEUE STUDIEN ZUR PERIODE VI DES NORDISCHEN KREISES IN
TEILEN DÄNEMARKS UND NORDDEUTSCHLANDS. UNIVERS. FORSCH. PRÄHIST. ARCH. 129 (BONN 2006).) konkret dem Quellenstand angepasst, um für
Norddeutschland und Dänemark den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit im Detail gezielter zu beleuchten:
Die bronzezeitliche "Einheitlichkeit des Nordischen Kreises" zerbricht aufgrund von bestimmten Kontakten mit lokalisierbaren eisenführenden
Kulturräumen. Fremdkulturelle Impulse lieferten die Voraussetzungen für eine erste lokale Eisengerätproduktion in Norddeutschland und
Dänemark; dies jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Innerhalb der Periode VI lässt sich eine plötzlich auftretende materielle und
ideologische Diversität in Regionen im vorherigen Nordischen Kreis feststellen, welche zu einer kulturellen Unterscheidung zwingt.
Die Quellen und den Forschungsstand betreffende kritische Auseinandersetzungen in der Examensarbeit lieferten Ergebnisse, welche den Anstoß für
eine überregionale Kontakt- und Diffusionsanalyse in Form einer durch die "Studienstiftung des deutschen Volkes" finanzierten Dissertation zum
Wechsel der Metallperioden gaben.
Sowohl die Ergebnisse der Diplomarbeit, als auch die Themenschwerpunkte und Methoden der Dissertation sollen im Rahmen des Vortrages
vorgestellt werden.