von Julia Koch (Leipzig)
Nicht vorliegend.
von Jana Fries (Wiesbaden)
Unser Bild hallstattzeitlicher Bestattungen ist bis heute geprägt von Grabhügelgräbern, besonders von reich ausgestatteten
Grablegen mit umfangreichen Geschirrsätzen und mehreren Metallbeigaben. Seit gut zwanzig Jahren deutet sich jedoch zunehmend
an, dass ein großer Teil alle Bestattungen mit sehr viel weniger Aufwand hinsichtlich Beigaben und Anlage des Grabes
erfolgten. Im Mittelpunkt des Vortrages stehen die so genannten kleinen Brandgräber, kleine Brandgrubengräber mit sehr
wenigen Beigaben, die vielfach zwischen Hügeln einer Nekropole angelegt wurden. Derartige unauffällige Gräber wurden mit
der flächigen Erforschung von Nekropolen in großer Zahl entdeckt. Mittlerweile sind über 110 entsprechende Gräberfelder
bekannt. Kleine Brandgräber dürften auch auf vielen Nekropolen bestanden haben, auf denen lediglich Grabhügel untersucht
wurden. Üblicherweise werden sie als Bestattungen der unteren sozialen Schichen interpretiert. Teilweise fällt einen hoher
Kinderanteil auf. Es fragt sich deshalb, ob bislang ein wesentlicher Teil oder gar die Mehrheit der hallstattzeitlichen
Bevölkerung der Forschung entgangen ist.
von Nils Müller-Scheeßel (Fankfurt)
Die landläufige Meinung geht davon aus, dass in den hallstattzeitlichen Gräberfelder Süddeutschlands nur ein Teil der
damaligen Bevölkerung bestattet wurde, die oberen Zehntausend nämlich, während die menschlichen Überreste der sonstigen
Bevölkerung - die unteren Zehntausend sowie die mittleren Ränge - auf eine Art "entsorgt" wurden, die für uns archäologisch
nicht mehr nachweisbar sind. Diese Deutung fußt auf der Prämisse, dass in Süddeutschland zu wenige Gräberfelder bekannt
seien, als dass sie die gesamte Bevölkerung der Hallstattzeit bergen könnten. Objektiv untermauert wurde diese Prämisse
jedoch nie.
Ausgehend von einer Datensammlung der bekannten hallstattzeitlichen Bestattungsplätze Süddeutschlands - insgesamt fast
1900 Stück - wird geschätzt, mit wie vielen hallstattzeitlichen Friedhöfen insgesamt zu rechnen ist. Bei einem
Entfernungsmaximum von ca. 1,3 km und einer insgesamt zur Verfügung stehenden Fläche von schätzungsweise 46000 qkm
ergibt sich eine Zahl von ungefähr 31000 Gräberfeldern.
Problematischer als die Schätzung der Gesamtzahl der Gräberfelder ist allerdings die Schätzung der Bestatteten pro
Gräberfeld. Die wenigsten Nekropolen sind vollständig ausgegraben, viele durch Erosion weitgehend abgetragen, bei vielen
hat man auch mit zeitgenössischen Verlusten zu rechnen. Die bekannten, annähernd vollständig ausgegrabenen Friedhöfe
weisen größtenteils eine Anzahl von deutlich über 100 Individuen auf. Allerdings gibt es zweifellos auch deutlich kleinere
Bestattungsplätze. Insgesamt scheint ein Schätzwert von 100 Individuen pro Gräberfeld durchaus angemessen und eher konservativ.
Nimmt man nun die Dauer der Hallstattzeit von ca. 300 Jahren und eine durchschnittliche Lebenserwartung von 25 Jahren hinzu,
so ergibt sich bei 3,1 Millionen (31000 x 100) bestatteten Individuen eine Lebendbevölkerung von ungefähr 260000 Individuen.
Bei einer Gesamtfläche Süddeutschlands von 106318 qkm errechnet sich eine Bevölkerungsdichte von 2,4 Individuen/qkm, was
durchaus im Rahmen einschlägiger Schätzungen liegt. Folglich besteht kein Grund, die hallstattzeitlichen Gräberfelder
ausschließlich als die Bestattungsplätze der oberen Zehntausend zu betrachten.
von Katharina C. Rebay (Cambridge)
Das etwa 380 Bestattungen umfassende Gräberfeld von Statzendorf wurde bereits in den Jahren 1903 bis 1925 ergraben und
gehört zu den altbekannten hallstattzeitlichen Fundstellen Niederösterreichs. Der Großteil der Bestatteten wurde verbrannt
beigesetzt, in Urnen oder als Niederlegung ohne Urne, doch etwa 10 % der Bestattungen sind Körperbestattungen. Etwa ein
Viertel der Gräber weist Steinstrukturen, Begrenzungen oder Abdeckungen auf. Zur Ausstattung der Toten gehören ein umfangreicher
Trink- und Speisegeschirrsatz sowie eine Fleischbeigabe. Die persönlichen Objekte umfassen Trachtbestandteile wie Fibeln,
Nadeln, Arm- und Halsreifen, Gürtel sowie Ringschmuck. Geräte wie Spinnwirtel und Schleifsteine gelangten wesentlich
häufiger ins Grab als Waffen wie Beile und Lanzenspitzen, Pferdegeschirr wurde lediglich in einem Grab gefunden.
Im Rahmen der Aufarbeitung der Funde und Befunde des Gräberfeldes von Statzendorf wurde versucht, aufgrund von
Sozialindexberechnungen eine qualitative und quantitative Wertung der Beigaben und Befundsituationen vorzunehmen, um
Hinweise auf die hallstattzeitliche Gesellschaftsstruktur zu erlangen.
Während der Zeitspanne der Belegung wandelt sich der zunächst urnenfelderzeitlich geprägte Bestattungsmodus zu einer
Portraitierung des Toten im Grab mit zunehmender Demonstration des sozialen Status. Die Belegungsdichte im Gräberfeld
nimmt ab, Steinstrukturen werden häufiger und die Gräber nehmen insgesamt mehr Raum ein. Vermutlich werden im jüngeren
Teil des Gräberfeldes kleine Grabhügel errichtet. Parallel zur Modifikation der Bestattungssitten steigen die
Sozialindexwerte der einzelnen Gräber, es bleibt Raum für individuelle Grabgestaltung und -ausstattung.
Impulse, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben, dürften aus dem Westen in die Region Traisental-Fladnitztal gelangt
sein. Statzendorf ist nicht die einzige Fundstelle dieses Raumes südlich der Donau - zahlreiche Siedlungen, zumeist
kleine Dörfer und Gehöfte, sprechen für eine bäuerliche Grundorientierung eines Großteils der Bevölkerung. Trotzdem sind
aus diesem Raum auch große Grabhügel bekannt. Alle diese Hinweise sind in eine Gesamtinterpretation einer veränderlichen
hallstattzeitlichen Gesellschaft miteinzubeziehen.
von Sandra Bock (Weimar)
Nicht vorliegend.
von Claus Bergmann (Mainz)
Vielfach wird die These aufgestellt, dass in der Hallstatt- und Frühlatènezeit nur ein kleiner Teil der
Bevölkerung auf „regulären" Friedhöfen, seien es nun Grabhügel oder Flachgräber, beerdigt
worden sei. Die Mehrheit der Menschen wäre demnach auf eine durch Archäologen nicht belegbare Weise bestattet
worden. Doch bedarf diese These der Überprüfung. Zunächst einmal gilt es, die ursprüngliche
Bevölkerungsdichte wenigstens abzuschätzen. Im Rhein-Main-Gebiet ist für die Hallstatt- und
Frühlatènezeit eine dichte Besiedlung faßbar. In Gunstregionen, vor allen Dingen in der Wetterau,
kann durchaus mit 5-8 Personen pro Quadratkilometer gerechnet werden. Dieser intensiven Besiedung stehen in manchen
Gebieten tatsächlich wenige Gräber gegenüber. Doch dürfte dies kaum die einstige Realität
widerspiegeln. Denn dort, wo Wälder nicht gerodet wurden, finden sich erstaunlich viele Grabhügelfelder,
in einzelnen Waldregionen am Rande der Wetterau zum Teil pro Quadratkilometer eine Grabhügelnekropole. Bei
Ausgrabungen konnte man stets auch eisenzeitliche Gräber bergen, wobei vielfach eine Belegungskontinuität
von der älteren Hallstattzeit bis in die jüngere Latènezeit zu beobachten ist. Zudem sind durch die
Luftbildarchäologie in den vergangenen 25 Jahren eine große Zahl bisher unbekannter Grabhügelfelder in
landwirtschaftlich intensiv genutzten Arealen entdeckt worden. Somit müssen wir von einer ursprünglich
großen Anzahl eisenzeitlicher Friedhöfe im Rhein-Main-Gebiet ausgehen. Es besteht demnach keine Grundlage
anzunehmen, dass große Teile der Bevölkerung nicht auf „regulären" Gräberfeldern bestattet wurden.
von Peter Jud (Basel)
Das Gräberfeld Münsingen-Rain ist durch die hohe Zahl der Bestattungen (223), die lange Laufzeit (220 Jahre) sowie die
reichen und gut erschlossenen Grabinventare besonders geeignet für alle Aspekte der archäologischen Gräberanalyse. Neben
anderen Studien wurden auch Versuche unternommen, die unterschiedlichen Ausstattungen als Ausdruck sozialer Rangunterschiede
zu deuten (Hinton 1986). Wie bei derartigen Deutungen üblich wurde vorausgesetzt, dass die Gräber einen repräsentativen
Querschnitt durch die ortsansässige Gesellschaft zeigen. Die am besten ausgestatten Bestattungen werden der Elite
zugerechnet, die beigabenlosen Gräber jedoch der untersten Bevölkerungsschichten. Zweifel an der Repräsentanz der
Gräberfelder sind jedoch schon allein aufgrund der geringen Gräberzahl angebracht.
In einem 2004 begonnenen Forschungsprojekt wurden die noch vorhandenen Skelettreste aus 77 Gräbern von Münsingen-Rain auf
epigenetische Merkmale untersucht, und die festgestellten Verwandtschaften anschliessend auf ihre Relevanz für die
Grabausstattung überprüft (Leitung: F. Müller, Bern; Anthropologie: Kurt W. Alt, Mainz; Archäologie: P. Jud, Basel).
Dabei konnte eine ungewöhnlich große Zahl von Verwandtschaftsverhältnissen festgestellt werden, welche mehr als die
Hälfte der untersuchten Bestattungen umfassen, und zwar über die gesamte Belegungsdauer. Offensichtlich ist Münsingen-Rain
kein Dorffriedhof, sondern der Bestattungsplatz eines durch vielfältige reziproke Verwandtschaften geprägten
Familienverbandes. Alles spricht für eine Adelssippe (nobilitas), die sich durch die Anlage des Begräbnisplatzes vom
Rest der Bevölkerung absetzt und die eigenen sozialen Ansprüche unterstreicht.
Wie sind nun in diesem neu erkannten Kontext die beigabenlosen Gräber zu interpretieren? Geschlecht und Alter der ohne
Beigaben Bestatteten zeigen keine Abweichung von den Standardwerten. Auffällig ist aber, dass von acht Beigabenlosen nur
einer zur "Verwandtschaft" gehört (12,5%), während dieser Wert bei den Gräbern mit Beigaben sehr viel höher liegt
(über 60%). Die Bestattung dieser Personen im Sonderfriedhof einer Adelssippe zeigt, dass sie nicht zur untersten sozialen
Schicht (plebs) gehören können. Sie waren offenbar eng mit der Adelssippe verbunden, aber nicht durch Blutsverwandtschaft.
Nach ersten Hinweisen könnte es sich um zugeheiratete Fremde handeln.
Weitere Forschungen müssen zeigen, ob diese neue, überraschende Deutung der beigabenlosen Gräber nicht nur für
Münsingen-Rain, sondern auch für weitere latènezeitliche Gräberfelder gilt.
von Yolanda Hecht, Hannele Rissanen, Sophie Stelzle-Hüglin und Norbert Spichtig (Basel)
Basel-Gasfabrik ist eine spätlatènezeitliche unbefestigte Siedlung von ca. 15 ha Grösse mit bisher zwei bekannten
Körpergräberfeldern. Mehr als die Hälfte der Siedlungsfläche ist seit 1911 ergraben worden, wobei ein Grossteil zwischen
1988 und heute untersucht wurde. Wegen der seit Jahren ununterbrochen andauernden Grabungen stehen die Auswertungen erst
in einer Anfangsphase.
Aufgrund einer ersten Analyse von Fundverteilungen und -vergesellschaftungen, Befunden zum Handwerk, Baustrukturen usw.
wird versucht, Personen mit tieferem sozialem Status innerhalb der Siedlung nachzuweisen. Weiter wird der Frage nachgegangen,
ob sich anhand der Siedlungsstrukturen Statusunterschiede unter den Bewohnern festmachen lassen und ob ggf. soziale Gruppen
in enger räumlicher Beziehung oder in getrennten Bereichen lebten.
Bei den in den Gräberfeldern bestatteten Personen lassen sich anhand von Beigabensitte, Altersstruktur, Krankheiten,
Körpergrösse, degenerative und Mangelerscheinungen teilweise Rückschlüsse auf eine tiefere soziale Stellung ziehen.
Inwieweit diese Personengruppe auch unter den in der Siedlung in Gruben oder Brunnen beigesetzten Toten - wie früher
angenommen - zu finden ist, wird kritisch zu prüfen sein.
von Tereza Belanová, Radoslav Cambal, Susanne Stegmann-Rajtár (Nitra)
Im Vortrag wird zuerst in einer überblicksartigen Form die Problematik der Siedlungsstrukturen (befestigte Höhensiedlung,
offene Siedlung, Gräberfelder) im östlichen Hallstattkulturkreis vorgestellt. Ein wesentlicher Schwerpunkt wird dabei auf
dem Charakter der offenen Siedlungen der westlichen Slowakei liegen, die sich im Verbreitungsgebiet der Kalenderberggruppe
befinden. Über die Rolle und Funktion dieser meist ländlich orientierten Siedlungen der Tiefebene im Wirtschaftssystem der
Hallstattzeit und den Grad ihrer Abhängigkeit gegenüber der Höhensiedlungen die als Macht- und Handelsplätze verstanden
werden, sind wir bis heute noch wenig informiert.
Während einer Rettungsgrabung im Jahre 2002 hat man in Nové Kosariská (heute Dunajská Luzná) den Teil einer wegen
Bautätigkeit teilweise schon zerstörten Siedlung entdeckt. Nur 250 m nordwestlich der Siedlung erstreckte sich die
berühmte Grabhügelnekropole. Nach Vorbericht wurden bis jetzt die Grundrisse von 2 Wohnhütten, mehrere Vorratsgruben,
Pfostenlöcher in Reihen sowie die Hälfte eines rechteckigen Baues (Wirtschaftsbaues ?) festgestellt. Letzterer hatte
ursprünglich die Größe von etwa 4 x 5,5 m und lieferte u. a. einige Gefäße, zahlreiche Tonscherben, Tierknochenfunde und
170 Webgewichte. Die Webgewichte wurden in mehreren Gruppen bzw. Reihen entlang von zwei Wänden freigelegt und gehörten
ihrer Lage nach wahrscheinlich zu zwei Gewichtswebstühlen mit der Breite von 1,8 - 2 m und etwa 4 m. Dieser einmalige
Befund bleibt bis jetzt ohne Parallelen in der nächsten Umgebung und belegt die Bedeutung dieser Siedlung. Der Beitrag
wird sich daher auch mit der Analyse dieses Befundes beschäftigen und eine 3-D Rekonstruktion der Webstühle vorstellen.
von Almut Bick (Kassel)
Ist das Ries in der Frühlatènezeit nur spärlich besiedelt, so verdreifacht sich die Besiedlungsdichte in der Jüngeren
Latènezeit. Jedoch findet keine gleichmäßige Aufsiedlung statt, sondern es entwickelt sich eine dichte
Siedlungsstellenkonzentration im Südostries. Um die fundreichste Siedlung des Rieses, Heroldingen "Kalbläcker", herum
siedelt sich ein Großteil der Bevölkerung an.
An Grabsitten und Fundmaterial der Jüngeren Latènezeit lässt sich dazu eine deutliche Umorientierung feststellen, was
die kulturellen Kontakte der Bevölkerung betrifft. In der Frühlatènezeit präsentiert sich das Ries nach Bestattungssitten
und Funden als mit dem nordostbayerischen Raum zusammengehörig. Die Bestattungssitten ebenso wie viele Funde finden in der
Jüngeren Latènezeit dagegen die besten Parallelen am mittleren Neckar. Möchte man eine Zuwanderung hinter dem beobachteten
Bevölkerungsanstieg in der Jüngeren Latènezeit vermuten, so könnte sie nur aus diesem Gebiet angenommen werden.
Neben den ausgesprochen fruchtbaren Böden im Riesbecken werden oft die reichen Erzvorkommen der östlichen Schwäbischen Alb,
die schon seit der Späthallstattzeit verhüttet wurden, in die Überlegung zu wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlungen im
Ries einbezogen. Gegen eine wirtschaftliche Einheit des Rieses mit der Schwäbischen Alb spricht jedoch das Fundmaterial,
das sich gerade in Alltagsgegenständen deutlich unterscheidet. Stattdessen lohnt sich ein Blick in das mittlere Neckargebiet,
in das nach Aussage der Bestattungssitten und des Fundmaterials engste Beziehungen bestanden. Am mittleren Neckar sowie an
Jagst und Kocher konzentrieren sich Salzquellen, die auch in der Latènezeit genutzt wurden. Das Ries bietet als Durchstich
durch die Alb einen bequemen Weg, auf dem das gewonnene Salz in den Donauraum gebracht worden sein könnte. Dieser Weg wird
durch die in den Funden spürbaren kulturellen Kontakte deutlich nachgezeichnet. In den qualitätvolleren Funden können enge
Beziehungen besonders zu dem Manchinger Raum, aber auch nach Berching-Pollanten festgestellt werden.
Dieser wirtschaftliche Kontakt zum Donauraum könnte eine Erklärung für die auffallende Siedlungskonzentration um Heroldingen
liefern. Die großen Siedlungen Bopfingen-Flochberg und vor allem Heroldingen "Kalbläcker" werden in LT B2, zur Zeit der
Aufnahme der Salzproduktion in Schwäbisch Hall, in strategischer Position am westlichen Eingang und südlichen Ausgang des
Riesbeckens angelegt. Die Vermutung liegt nahe, dass sie in diesem Wirtschaftsgeflecht sozusagen als Etappenstationen von
dem Vertriebsweg des Salzes profitiert haben können.
von Raimund Karl (Bangor)
In Wales lässt sich, von der Spätbronze- durch die Eisenzeit hindurch, und dann weiter bis ins Frühmittelalter hinein die
Entwicklung einer charakteristischen Siedlungshierarchie beobachten. Sind zuerst einzeln stehende Häuser und gelegentlich
offene Streusiedlungen vorhanden, kommen in der spätesten Bronzezeit umfriedete Hofanlagen und ‚befestigte' Höhensiedlungen,
ab der mittleren Eisenzeit dann auch mehrfach umwallte Hofanlagen und aufwändig befestigte Höhensiedlungen hinzu. Dieses
Siedlungsbild hält sich - im Wesentlichen - durch die römische Kaiserzeit und ins Frühmittelalter.
Aus dem walisischen Frühmittelalter stehen uns verschiedene historische Quellen zur Verfügung, die uns Einblicke in das
Verhältnis zwischen dem brëyr, "Fürst, Landesherr" und seinen taeogion, "Hörige, Leibeigene, Sklaven" und zwischen den
taeogion in einem Verwaltungsbezirk gestatten. So finden wir Hinweise auf die Verpflichtung der taeogion, für den brëyr
Naturalabgaben und Arbeitsleistungen zu erbringen - unter anderem den Bau und die Erhaltung der llys, des Hofes des brëyr
- und für kooperative Landwirtschaftspraktiken zwischen den taeogion - zum Beispiel um die notwendigen bis zu 8 Ochsen für
ein Pfluggespann zusammenzubekommen.
Beide Termini, brëyr und taeog, sind sprachlich durchsichtig: der Erste leitet sich eindeutig von kelt. ∗mrogi-rig-s,
"Landes-herrscher, Landes-könig" ab, der Zweite von kelt. ∗teges-ako-s, "dem Haus zugehörig, Haushaltsangehöriger".
Nachdem sich für beide Begriffe Kognaten oder eng vergleichbare Formationen aus dem eisenzeitlichen Gallien finden
lassen, ist anzunehmen, dass die Begriffe ∗mrogirigs und ∗tegesakos bereits im eisenzeitlichen Wales benutzt wurden, und
ein sehr ähnliches Verhältnis zwischen "Landesherrn" und seinen "Haushaltsangehörigen" beschrieben, wie wir es auch noch
im frühmittelalterlichen Wales finden.
Tatsächlich eignen sich auch die Praktiken, die in den frühmittelalterlichen Texten die Pflichten der taeogion gegenüber
dem brëyr, und die Kooperationen zwischen den taeogion darstellen, hervorragend zur Erklärung eisenzeitlicher Befunde.
Multiple Wall-Graben-Systeme, die jedoch oft, wie z.B. in Woodside, niemals einen verteidigungstechnischen Sinn erfüllten,
aber einen besonders eindrucksvollen Eingangsbereich für einen Hof erzeugten, lassen sich als Resultat der
Arbeitsleistungen der ∗tegesakoi für ihren ∗mrogirigs deuten. Dass Höfe mit derartigen multiplen Wallanlagen
oftmals auch Hinweise darauf liefern, Verbraucher- und nicht Erzeugersiedlungen gewesen zu sein, passt gut ins Bild:
Naturalleistungen wären, dem frühmittelalterlichen Muster entsprechend, von den ∗tegesakoi am Hof des ∗mrogirigs
abzuliefern, wo sie von eben diesem konsumiert werden. Und dass die in den weiterhin existierenden, einzeln stehenden
Häusern lebenden Menschen sicherlich nicht 4 bis 8 Ochsen ihr Eigen nannten, kann mit einiger Sicherheit vorausgesetzt
werden: die eisenzeitlichen ∗tegesakoi dürften also auch, nicht anders als ihre frühmittelalterlichen "Nachfahren", zur
Bildung von Landwirtschaftsgenossenschaften gezwungen gewesen sein.
Tatsächlich scheinen wir aus dem eisenzeitlichen Wales, aus dem sich kaum Prestigegüter und keine Prunkgräber, ja nicht
einmal stattliche Hallenhäuser oder sonstige Hinweise auf die "high society" finden lassen, fast ausschließlich die
"unteren Zehntausend" zu kennen, oder wenigstens die Produkte ihrer Hände Arbeit. Selbst wenn diese nur für den Ruhm
des "Landesherrn" war.
von Nicole Boenke (Götzis) und Thomas Stöllner (Bochum)
Nicht vorliegend.
von Doreen Mölders (Leipzig)
Für die jüngere Eisenzeit sind Handwerker nur selten ausführlicher als in kurzen Passagen innerhalb
der einschlägigen Überblickswerke zu den Kelten abgehandelt worden. Aussagen zur sozioökonomischen
Stellung dieser Gruppe sind rar und variieren zudem stark. Während sich einige Autorinnen und Autoren für eine
Abhängigkeit der Handwerker aussprechen, postulieren andere eine unabhängige, selbstständige Position.
Basis für diese unterschiedlichen Interpretationsansätze sind häufig dieselben Befunde und Funde. Lediglich
in Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Stellung scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass die
handwerkliche Produktion während der Latènezeit eher von den unteren sozialen Schichten getragen worden sei.
Diese Aussagen scheinen weniger auf methodisch fundierten Analysen, denn auf Bauchentscheidungen zu beruhen, um die
lieb gewonnenen Vorstellungen von den sozialen Verhältnissen während der Latènezeit zu untermauern.
Um den gesellschaftlichen Status einer speziellen Gruppe wie die der handwerklich Produzierenden ermitteln zu
können, gilt es, im Vorfeld die ökonomischen Strukturen einer Gesellschaft in Bezug auf Produktion,
Distribution und Konsumption zu erörtern. Da hierfür jedoch noch kein tragfähiges Modell entwickelt
worden ist, soll als Diskussionsgrundlage das methodische Rüstzeug vorgestellt werden, anhand dessen letztendlich
auch Aussagen über die soziale Rolle von Handwerkern auf einem breiteren Fundament ruhen könnten.
von Holger Baitinger (Frankfurt)
Seit der Entdeckung von drei frühlatènezeitlichen Fürstengräbern, vier vollplastisch gearbeiteten Sandsteinstatuen und
weit ausgreifenden Grabenwerken, die vermutlich zu einem frühkeltischen Zentralheiligtum gehört haben, pflegt man die
befestigte Höhensiedlung auf dem Glauberg (Wetterau, Hessen) in eine Reihe mit den keltischen Fürstensitzen in
Südwestdeutschland, der Schweiz und Ostfrankreich zu stellen, und das obwohl bislang über diese Siedlung nur wenig
bekannt ist. Die umfangreichen Ausgrabungen, die in den 1930er Jahren auf dem Glauberg stattgefunden haben, sind niemals
publiziert worden, das Fundmaterial wurde am Kriegsende zerstört. Die Auswertung der neuen Ausgrabungen, die das Landesamt
für Denkmalpflege Hessen von 1985 bis 1998 auf dem Glauberg durchgeführt hat, steht seit September 2004 im Mittelpunkt
eines Forschungsprojekts, das innerhalb des DFG-Schwerpunktprogramms "Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse"
angesiedelt ist (www.fuerstensitze.de/1120_Fuerstensitz_Glauberg.html).
Im Vortrag soll der aktuelle Forschungsstand zum frühkeltischen Fürstensitz auf dem Glauberg dargestellt werden, vor
allem bezüglich seiner Datierung, seiner kulturellen Stellung und zur Konstruktion der Befestigungsmauern. Ferner soll
analysiert werden, welche neuen Erkenntnisse sich daraus für das Verständnis der Fürstengräber und Statuen vom Glauberg
ergeben.
von Ines Balzer (Esslingen)
Das Projekt mit dem Kurztitel "Frühkeltische Siedlungsdynamik Hohenasperg" startete im Mai 2004 innerhalb des von der
DFG geförderten Schwerpunktprogrammes 1171 "Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Zur Genese und Entwicklung
frühkeltischer Fürstensitze und ihres territorialen Umlandes". Ziel des Forschungsprojektes ist die Aufarbeitung und
Bewertung aller bisher bekannten Fundstellen des 8. bis 3. Jahrhunderts vor Christus im Umfeld des Hohenaspergs. Als
Arbeitsgebiet wurde ein im Radius 15 km großes Gebiet um den Hohenasperg gewählt. Eine erste Durchsicht und Katalogerfassung
erbrachte etwa 400 Siedlungsfundstellen, die zur feinchronologischen und siedlungsarchäologischen Auswertung zur Verfügung
stehen, dazu kommen punktuell botanische und archäozoologische Untersuchungen. Das Fundmaterial aus den Siedlungsplätzen
ist teilweise äußerst reich an Metallfunden und spezifischer Keramik. Aus der frühlatènezeitlichen Siedlung
Eberdingen-Hochdorf sind überdies attische Keramikfragmente bekannt. Nach der kompletten Fundstellenerfassung ist das nächste
Ziel der Aufbau eines feinchronologischen Gerüstes, um die einzelnen Fundstätten präziser datieren und damit die Entwicklung
und Veränderung von Siedlungen im Umfeld des Hohenaspergs erfassen zu können.
von Oliver Nakoinz (Esslingen) und Markus Steffen (Esslingen)
Das DFG-Schwerpunktprogramm 1171 "Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse" (www.Fürstensitze.de) beschäftigt
sich mit den "Fürstensitzen" der älteren Eisenzeit. Ausgehend von den bekannten Zentralorten werden die Elitenbildung
und die Entstehung protourbaner Siedlungen untersucht. Bei den lokalen Ausgrabungsprojekten und Regionalanalysen stehen
die einzelnen Machtzentren im Vordergrund. Zudem werden auch überregionale Untersuchungen durchgeführt. Das Projekt
"Siedlungshierarchien und kulturelle Räume" widmet sich vor allem dem Raum zwischen den Fürstensitzen auf der Basis
einer flächigen Perspektive. Die Grundannahme ist, dass sich Zentralisierungsprozesse in ihrem vollen Umfang nur durch
eine großräumige Betrachtung erfassen lassen.
In diesem Projekt werden mit den Kategorien Siedlungsarchäologie/Landschaftsarchäologie und kulturelle Räume die beiden
Bereiche bearbeitet, in denen sich der deutlichste nachweisbare Niederschlag der postulierten großflächigen
Zentralisierungsprozesse abzeichnen sollte. Die Untersuchungen sollen an vier Leitfragen orientiert sein:
1. Wie entwickelte sich die Verteilung der Bevölkerungsdichte?
2. Wie veränderte sich die Siedlungsstruktur?
3. Wie waren die kulturellen Ähnlichkeiten verteilt und wie veränderten sie sich?
4. Gibt es einen Bezug der genannten Faktoren zu den Fürstensitzen bzw. zur Bildung von Zentralorten?
Hiermit wird letztlich die Frage aufgegriffen, welchen Einfluss die Fürstensitze auf den Raum und die Menschen zwischen
ihnen hatten und in welchem Maß sie das alltägliche Leben der normalen Menschen verändert haben.
Neben den traditionellen siedlungsarchäologischen Methoden sollen auch moderne Analysetechniken eingesetzt und
weiterentwickelt werden. Im Bereich der kulturellen Räume steht das Konzept der "kulturellen Metrik" im Mittelpunkt, das
eine differenzierte Beurteilung des kulturellen Wandels ermöglicht.
von Sabine Reinhold (Moskau)
Nicht vorliegend.
von Maia Kasuba (Kischinev, Republik Moldau)
Nicht vorliegend.
von Cynthia Dunning (Bern)
Nicht vorliegend.
von Diana Modarressi-Tehrani (Kiel)
Dass das Metallhandwerk in der Eisenzeit eine bedeutende Rolle spielt, lässt sich nicht zuletzt an der zunehmenden
Bedeutung des Eisens als ubiquitäres Gebrauchsmetall sowie der signifikanten Zunahme angewandter Bronzebearbeitungstechniken
erkennen.
Inwieweit dieser technologische Aufschwung an das Phänomen der "Fürstensitze" gebunden ist und wie das Metallhandwerk
organisiert war, ist noch weitestgehend ungeklärt. Nimmt man an, dass spezialisiertes Metallhandwerk und der Handel mit
den Produkten einer auf den "Fürstensitzen" angesiedelten Elite unterstand, so sollten Hinweise auf handwerkliche
Spezialisierung und Innovationen vornehmlich im direkten Umfeld der "Fürstensitze" zu finden sein. In den letzten Jahren
konnte jedoch, entgegen dieser langjährigen Forschungsmeinung, nachgewiesen werden, dass die Ausübung von intensivem
Metallhandwerk nicht ausschließlich auf die "Fürstensitze" beschränkt blieb, sondern auch in offenen und unbefestigten
Siedlungen ausgeübt wurde. So finden sich nicht nur im näheren und weiteren Umfeld der "Fürstensitze" wie z. B. der
Heuneburg, sondern auch an isoliert, aber verkehrsgeografisch günstig gelegenen Plätzen ohne direkte Anbindung an einen
solchen Zentralort (z. B. Bragny-sur-Saône) Nachweise von ausgeprägtem und spezialisiertem Handwerk.
von Wolfgang Artner (Graz)
Auf der Rückfallkuppe des Lethkogels bei Stainz in der Weststeiermark befindet sich u. a. eine Siedlung der ausgehenden
Mittel- und Spätlatènezeit. In ihrem Randbereich konnten bislang 14 Rennöfen freigelegt werden. Es handelt sich um runde
Schachtöfen ohne Schlackengruben und ohne Abstichkanäle. An Schlacken liegen nur Ofenschlacken, bzw. Bruchstücke
verschlackter Ofenwand vor; von Interesse ist das Fragment einer scheibengedrehten Tondüse.
Der Unterteil der Öfen besteht aus Steinen mit Lehmbindung, der Aufbau aus gemagertem Lehm. Vom gleichen Typ liegen zwei
verschiedene Größen vor, wobei die kleineren auf dem Schutt der größeren Öfen errichtet worden sind. Eine zeitliche
Differenzierung zwischen größeren und kleineren Öfen ist archäologisch nicht nachweisbar.
Anhand der Keramik sind die Öfen in die 2. Hälfte des 1. Jh. v. Chr. zu datieren. Sie sind der bislang erste Nachweis
keltischer Eisenverhüttung in der Steiermark. Geophysikalische (Paläomagnetik) und archäometallurgische Untersuchungen
sind in Arbeit; entsprechende Resultate könnten vielleicht schon zum Tagungstermin vorliegen.